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orhan pamukOrhan Pamuk, Das stille Haus

Wer immer ein Buch des türkischen Nobelpreisträgers Orhan Pamuk zur Hand nimmt, kann sich auf eine Kaskade ineinander verwobener Schicksale und Geschichten einstellen. In „Das stille Haus“ dreht sich das Geschehen um die alte Grossmutter, die wie immer im Sommer Besuch von ihren Enkeln erhält.
Als junges Mädchen wird Fatma mit dem angehenden Arzt Darvinoglu Selahattin verheiratet. Sie kennt ihn nicht, aber ihre Eltern sind überzeugt, dass sich die Liebe schon einstellen würde. Als junger Doktor zieht Selahattin mit seiner Frau auf das Land, in ein Haus am See. Er ist voller Tatendrang, freut sich, Kranke zu heilen und auch den Armen zu helfen, die ihn nicht bezahlen können. Seine Praxis läuft leidlich gut, aber mit der Zeit verleidet ihm der Beruf, die Patienten gehen ihm auf die Nerven.
Er beginnt nach Höherem zu streben, will eine Enzyklopädie verfassen, dem ungebildeten Volk die Wahrheit verkünden, ihm auf Grund des Darwinismus klar machen, dass es keinen Gott gibt. Nach und nach bleiben die Patienten und deshalb auch der Verdienst aus. Fatma muss ihren geerbten Schmuck versilbern, ein Stück ums andere, um Geld für den Lebensunterhalt herein zu bringen. Längst ist die Liebe der Ehepartner erloschen, der Doktor hält sich im Gartenhaus eine Geliebte, die ihm zwei Kinder gebiert. Eines Tages begibt sich Fatma zornentbrannt in die Hütte und schlägt blindwütig auf die beiden „Bastarde“ ein. Eines bricht dabei das Bein und bleibt sein Leben lang behindert.
Wie Orman Pamuk die keifende Alte beschreibt, die ihrem verpfuschten Leben, in ihre Kissen versunken, nachtrauert, ständig befürchtend, ihre Schandtat an den beiden Kindern käme aus, das ist grosse Klasse. Auch wie er die Schicksale ihrer eigenen Kinder und der Grosskinder im Spiegel des Lebens der Alten und der politisch explosiven Zeit einbringt, das ist bewegend, das ist Weltliteratur.

 Teddy Buser (2011)


 Buchinformation:

Orhan Pamuk, Das stille Haus
gebundene Ausgabe, 978-3-446-23400-0
368 Seiten

heiratenSophie Kinsella - Die Heiratsvermittlerin

Die Braut, die sich doppelt traut.
Als Milly zum ersten Mal ihr Jawort gibt, ist sie achtzehn, übermütig und entschlossen, etwas Gutes zu tun. Die Ehe soll nämlich einem sympathischen Amerikaner die Aufenthaltsgenehmigung in England sichern. Die Sache ist auch schnell vergessen, nachdem der Kontakt zu ihrem Gatten bald nach der Trauung abbricht. Doch zehn Jahre später steht Milly vor einem Problem: Sie hat mit Simon Pinnacle ihren Traummann gefunden, und in wenigen Tagen soll geheiratet werden. Was weder der überglückliche Simon noch sonst jemand weiss: Die Braut ist noch immer verheiratet. Mitten in den Vorbereitungen zur Traumhochzeit platzt die Bombe ... Ich lese Kinsella jeweils mit grossen Vergnügen, doch bei dieser Geschichte fand ich vieles gesucht und irgendwie nicht ganz glaubwürdig. Mir schien, dass man schnell ein neues Buch auf den Markt bringen wollte. Es gibt von Kinsella Bücher, die mich mehr gefesselt haben und die ich in einem Zug gelesen habe, dieses habe ich immer wieder weggelegt.

Buchinformation:

Originaltitel: The Wedding Girl. Roman.  
Goldmann Verlag - Taschenbuch, 2011
ISBN   978-3-442-47548-3

Pete Dexter

Pete Dexter DeadwoodDer Wilde Westen bescherte uns im Teenager-Alter bewegte Lese- und Filmstunden. Die Helden hiessen Buffalo Bill, Wild Bill Hickok, Billy the Kid. Sie überstrahlten alle anderen Personen, waren sauber, edel, unverwundbar.

Im Roman “Deadwood” von Pete Dexter wird zwar das Leben von Wild Bill Hickok nacherzählt, der Wilde Westen aber ganz anders dargestellt als ich ihn in Erinnerung habe. Die Helden huren und saufen, waten durch knietiefen Matsch auf der Mainstreet, sind krank, vom Leben gezeichnet, waschen sich selten, leben in armseligen Schuppen und frieren in den ungeheizten Räumen. Achtzig Prozent aller Frauen sind Prostituierte.

Das Buch beginnt mit einem Treck, den der Unternehmer Charly Utter in das neue, aufstrebende Goldgräber-Städtchen Deadwood in South-Dakota führt. Mit dabei sind Händler, Huren, Falschspieler, Gaukler und eine Menge anderer Glücksritter. Mit dabei ist auch Wild Bill Hickok, der beste Freund des Charly Utter. In der Folge zeichnet Dexter ein Sittenbild der damaligen Zeit, als der Westen wirklich noch wild war. Er beschreibt die Kämpfe um das nackte Leben, um Pfründe und Vorteile, erzählt Geschichten von unerwiderter Liebe.

Schliesslich taucht auch die berühmte Calamity Jane auf, die sich nach Wild Bill Hickok verzehrt. Der mag sich nicht um sie kümmern, ernährt sich hauptsächlich von Pink Gin und reibt seinen geschundenen Körper mit Quecksilber ein. Gemäss geschichtlichem Hintergrund wird Hickok schliesslich von hinten erschossen von einem, der mit dieser Tat berühmt werden will. Hickock wird auf dem Boothill begraben. Dort will auch Calamity Jane hin - neben Hickok. Er soll ihr im Tod nicht mehr entwischen.

Teddy Buser (2011)


 

Buchinfo

Pete Dexter: Deadwood
Gebundene Ausgabe, 448 Seiten
ISBN-13 9783935890823

lewinskyCharles Lewinsky, Johannistag

Ein deutscher Lehrer, der seinen Beruf aufgegeben hat, kommt in ein kleines, ruhiges Dorf in der französischen Provinz, wo er ein eigenes kleines Haus bewohnt. Nach und nach lernt er die einzelnen Bewohnerinnen und Bewohner kennen, ihre Eigenschaften und Marotten. Das Leben scheint ihm sehr friedlich und gesittet zu sein, doch nach und nach merkt er, dass der Schein trügt, dass es auch hier „menschelt“. Er selbst leidet an der Trennung von seiner Geliebten. Alles, was er in Frankreich erlebt, schreibt er in Briefform dieser Frau, die jedoch keinen seiner Briefe öffnet und beantwortet.
Subtil lässt Charles Lewinsky in „Johannistag” durch den erzählenden Lehrer seine Leser die einzelnen Dorfbewohner kennen, ihre Charaktere, ihre Liebenswürdigkeiten, ihre Boshaftigkeiten. Da wäre beispielsweise Jean, der Handwerker, der alles reparieren kann, sich aber nur unter der Hand zahlen lässt, um seine Einkünfte nicht dem Fiskus bekannt geben zu müssen. Oder Monsieur Ravallet, der während zweier Stunden pro Woche als Bürgermeister amtet und zum Ziele hat, als Abgeordneter Karriere zu machen. Eine wichtige Rolle spielt auch dir uralte Mademoiselle Millotte, die auf ihrem Rollstuhl auf der Terrasse sitzend die Strasse überblickt und rasend schnell das Gesehene unter die Leute bringt.
Dem Lehrer seinerseits scheinen immer wieder junge Mädchen zum Verhängnis zu werden. Die Geliebte war eine Schutzbefohlene, weshalb er seinen Dienst quittieren musste. Zwei weitere Mädchen aus dem Dorf zwingen ihm Aktivitäten ab, die er sich nicht gewünscht hat. So findet er sich, der Fremde, ungewollt in die Ränkespiele der Dorfbewohner eingespannt. Als gar sein Nachbarhaus einer Brandstiftung zum Opfer fällt und sein Nachbar dabei sein Leben verliert, ist das Chaos perfekt.


„Johannistag“ ist ein interessantes, gelungenes Buch, eine spannende Geschichte in einer nur scheinbar idyllischen Dorfgemeinschaft, psychologisch geschickt verwoben von einem starken Schriftsteller.

Teddy Buser (2011)

Buchinformationen:

Charles Lewinsky, Johannistag, Gebundene Ausgabe
IBSN 978-3-312-00388-4
316 Seiten