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23. April 2017
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Nach einem besorgten Blick auf unsere welken Kontensalden und schrumpfenden Bargeldbestände kam das Weihnachtsfest in jenem Jahr eindeutig im falschen Moment. Ein paar einsame Münzen kullerten im schlaffen Portemonnaie herum wie die Kindertränen beim entfliegenden Luftballon.

«Meine allerliebste Ehefrau», sprach icaa essen 01h, «es hat nichts mit dir zu tun. Aber die Lage ist ernst. Weit und breit ist kein positiver Saldo in Sicht und Weihnachten steht vor der Tür. Einzig deiner frohen Natur wird es gelingen, in diesem Jahr Glanz in unsere trübe Stube zu bringen. Doch es ist das Fest der Liebe und wir werden auch so glücklich sein!»

 

«Du willst mir also keine Geschenke kaufen?»
Ich machte grosse Augen und zuckte bedauernd mit den Schultern.
«Keine Party, keine Leute, gar nichts? Du willst bloss zu Hause hocken und Fernsehen?»
Ich seufzte voller Bedauern.

 

Aber ein paar kleine Geheimnisse bleiben einem immer. So hatten sich - wohl eher zufällig - ein paar Banknoten in meine Richtung verirrt. Es war mir sogar gelungen, sie festzuhalten. Und, oh Wunder, ich hatte es zustande gebracht, diese unerwartete stille Reserve vor neugierigen Blicken und flinken Fingern verborgen zu halten.
Ein neuer Tag nahm seinen Lauf, kalt, klar. Der letzte Arbeitstag vor den Feiertagen. Bis zum Ladenschluss würde es knapp reichen für ein schönes Geschenk. In unzählige Laufmeter glänzendes Papier müsste es eingewickelt sein, und eine riesige rote Masche würde es krönen. Noch eine Stunde, und ich würde durch die Läden eilen, auf der Suche nach der einmaligen Überraschung. Im weihnachtlichen Glanz der Liebe würde das Geschenk mit der erhofften Freude um die Wette strahlen. Die Banknoten jedenfalls knisterten geheimnisvoll in ihrem Umschlag in der Jackentasche. Hörte ich Kirchenglocken?

 

Das aufgeregte Läuten des Telefons riss mich aus meinen Träumereien. «Halleluja – äh Entschuldigung – hallo», rief ich gut aufgelegt ins Mikrophon.
«Tante Agathe und Onkel Alfred sind in der Stadt, sie kommen mit den Kindern zu uns! Mit allen Kindern! Heute Abend!»
Heiliger Bimbam! Die bunten Seifenblasen meiner Träume zerplatzen wie zertretene Weihnachtskugeln. Ich wusste, absagen kam überhaupt nicht in Frage. Ewiger Familienfluch, Verbannung auf eine einsame Insel war das mindeste. Bilder zornesroter Gesichter der vereinigten Onkel und Tanten schossen mir in Sekundenbruchteilen durch den Kopf.

«Ade stille Nacht, ihr mühsamen Kinderlein kommet», machte ich still die Faust im Sack. «Wie schön für uns, dann sind wir ja auch nicht mehr so alleine», krächzte ich ins Phone, das bleischwer wurde.
«Finde ich aber auch! Wirklich!», rief die Nichte unzähliger lauter und mit Schmuck behangener Tanten und Zigarren paffender Onkel. «Übrigens, ich brauche Bares, schnell viel Bares, um für uns alle einkaufen zu können, mein Schatz!» Zahlenreihen zogen flackernd an meinem inneren Auge vorbei. Grosse rote Zahlen und selten kleine schwarze und unzählige neutrale Nullen tanzten einen Hexentanz um mich herum. Ich ergab mich in mein ungerechtes Los: «Also, wenn wir mit den Zins ein paar Tage schieben, dann sollte das klappen. Eine Karte zum Mietkonto ist in meiner Schublade, ganz hinten und der Code lautet ...»

Die Verbindung wurde abrupt unterbrochen. Ich tippte wild Zahlen in meinen Rechner. Ach was soll’s, es ist ja nur einmal Weihnachten im Jahr, ich löschte die Anzeige wieder. Und dann blieb mir ja noch mein Überraschungsgeschenk. Wenn ich bloss schon wüsste was! Im Geist zog ich bereits durch die festlich geschmückten Geschäfte der Stadt.
Doch schon wieder schlug das Handy Alarm.
«Hallo, mein Schatz», flöteten mir Engelszungen entgegen. Diesen zuckersüssen Ton kannte ich nur zu gut. Irgendetwas war schiefgelaufen. Tatsächlich: «Schatz, der Code! Er war falsch! Dreimal nacheinander! Das Bankomatmonster hat die Karte verschluckt!»

Ich schwieg.

«Sag etwas, tu etwas!»
«Am Bankschalter geben sie dir einen Notscheck», sprach ich nach einer Pause innerer Sammlung, «wenn du deinen Ausweis vorlegst!»
«Superidee, Mister Schlaumeier, aber heute ist Feiertag, und die Banken schliessen gleich, da ist schon keiner mehr!»
Ich versuchte, mich zu konzentrieren. Ich sah ein Nadelöhr, vor dem sich Kamele drängten. Alle sahen sie ähnlich aus wie Tante Agathe und Onkel Alfred.
«Was machst du? Bist du noch dran? Sprich mit mir!»
«Ja, gut, ich ziehe los und versuche es mit meiner Karte. Aber hörst du, gleich nach Weihnachten zahlen wir wieder ein!»

 

Die Schlange vor dem Bankomaten war ebenso lang wie ich ungeduldig. Endlich kam ich an die Reihe. Hastig tippte ich den Nummerncode ein. «Leider nein, vielleicht ein andermal?», piepste die Maschine schadenfroh, "Diese Karte ist schon gesperrt, frohe Weihnachten!". Zornig hämmerte ich auf die Tasten. Nichts zu machen, holprig, aber unaufhaltsam rumpelte die Stahltür vor und verschloss die Pforte zu Alibabas Höhle. Hinter mir räusperte sich ein rücksichtsloser Mensch laut und deutlich. Irgendwoher tönten grässliche Weihnachtslieder, Blockflöte, Trompete von Jericho und mit Gitarrenbegleitung. Ich floh, schüttelte den Schneematsch von den Winterschuhen, senkte den Kopf und ballte die Faust.

 

aa essenZu Hause, im Treppenhaus, verabschiedete ich mich endgültig von meinen hochfliegenden Weihnachtsträumen. Ich zog den knisternden Umschlag aus der Jackentasche und schaute abwesend auf die Banknoten in meiner Hand. Die Haustüre flog auf.
«Fein, du hast das Geld? Komm, hier, nimm die Taschen, wir müssen uns beeilen, die Läden schliessen gleich!»
Ein Vermögen später stapelten sich in unserer kleinen Küche Kisten, Tüten und Taschen, in welche sich die geplante Weihnachtsüberraschung im Eilzugstempo verwandelt hatte. Mit roten Backen stand mein Barockengel inmitten der Pracht: «Du wirst sehen, das wird eine Feier wie noch nie!»

 

Es wurde ein Weihnachtsfest wie immer. Wir kochten für Legionen, assen und tranken zu viel und zu üppig. Die Gäste waren laut und ihre Kinder auch. Im Laufe des Abends aber stahl sich still und heimlich die Weihnachtsstimmung in unsere Stube. Entspanntes Lachen vertrieb Zank, Unmut und Vorurteile. Wir rückten näher, es wurde richtig gemütlich und feierlich.
Beim Aufräumen, als die Gäste längst gegangen waren, musste ich zugeben, dass Weihnachten halt doch ein schönes Fest ist.

In der Nacht jedoch schrak ich hoch: Wie erkläre ich bloss der strengen Wächterin der Kontoauszüge, dass im Januar keine Bankbelastung erfolgen wird?

Peter Maibach