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Königinnen

Um diese Zeit herrscht Hochbetrieb im Eingangsbereich. Menschen durchqueren den weiten Raum, hinein und hinaus, hastig oder gemächlich. Viele schleppen ihre Sorgen hinter sich her. Andere verlassen das Spital erleichtert. Als Kontrast dazu der federnde, wirbelnde Gang junger Ärztinnen, Ärzte, dem Pflegepersonal. Die Kompetenz weisser Schürzen und lässig eingesteckter Stethoskope strahlt bis hinüber in die Cafeteria beim Eingang. Besucher in Winterkleidung, Patienten im Trainer oder Spitalhemd an den Tischen. Sie sitzen wie angeklebt auf der Stuhlkante, aufrecht, aufmerksam. Da und dort wackelige Infusionsständer als einzigen Begleiter, Rollstühle, die versuchen still zu stehen.

Die Cafeteria als Station zwischen der Welt draussen und dem Spitalkosmos. Bühne zwischen den Rolltreppen beim Eingang und den Aufzügen in die Abteilungen. Bevor es wieder hinausgeht auf die Strasse des Alltages, setze ich mich an ein Tischchen zu einer Tasse Kaffee. Ich schaue gerne dem Treiben zu, stelle mir die unzähligen Lebensfäden vor, die hier zusammentreffen, sich verknäueln und wieder auseinandergehen.

Doch heute war es anders

Der Nebentisch, seltsam. Eine fast unheimliche Ruhe greift um sich, zieht mich in ihren Bann. Ich schaue verstohlen hinüber. Drei Frauen sitzen ernst am Tischchen. Kein Wort fällt, kaum eine Bewegung. Doch gerade dies zieht meine Aufmerksamkeit magnetisch an. Jede der drei ist in eine Gratiszeitung vertieft, liest, isst ein Sandwich. Drei Frauen. Eine Junge mit einer grossen Brille, zwei weniger junge, eine mit vor längerer Zeit gefärbten Haaren. Zwischendurch wird an Red Bull genippt oder Kaffee. Seiten werden umgeschlagen. Dann wieder Bewegungslosigkeit, Essen, kein Wort fällt. Ja, sogar das Umblättern scheint unhörbar, geht im Hintergrundlärm unter. Diese Stille zwingt, angestrengt hinzuhören. Woher stammen die drei wohl? Kein Mucks, kein Wort, das einen Hinweis gäbe.

Jede trägt eine blaue, verschmierte Arbeitshose. Technikerinnen, vermute ich. Um keine Ölflecken zu hinterlassen, haben sie ein Tuch auf die hellen Stühle gelegt. Mitten in dieser blanken, weissen Welt sitzen drei Frauen in verschmierten Hosen, als gäbe es nichts Alltäglicheres. Aber es gibt nicht Alltäglicheres, mahne ich mich. Es ist Pausenzeit, was soll hier aussergewöhnlich sein? Immer noch schweigen sie, so lange schon. Das ist es, was mir seltsam scheint. Sie lesen, aber keine kommentiert, nichts. Sie schweigen zusammen, sind gut eingespielt in ihrer Ruhe. Rundherum suchen die gierigen Hände bevorstehender Termine die Cafeteria ab, zerren an edlem Weiss oder an wartenden Patienten, überall herrscht aufdringlich diskrete Spitalsauberkeit vor. Und mitten drin steht ein Tisch mit drei Frauen in verschmierten Overalls, isoliert in einem Kokon der Stille.

Was für Aufgaben sie wohl erfüllen mögen? Irgendwo in den Untergeschossen müssen mächtige Maschinen stehen, die sie am laufen halten, stelle ich mir vor. Meine Gedanken wandern weiter, finden keinen Halt. Die mit den gefärbten Haaren steht wortlos auf und verlässt grusslos den Tisch. Kurz danach geht die zweite ebenso schweigend davon. Die Jüngste räumt den Tisch ab, folgt den beiden anderen.

Ein paar Augenblicke noch hält sich das Vakuum am Nebentisch, zerbröckelt, als sich eine junge Familie an den Tisch setzt. Besucher, vermute ich. Die Kinder tauen auf, scheinen froh, bald der ungewohnten Umgebung zu entkommen.

Und ich frage mich – weil gerade Weihnachten ist – ob es denn eigentlich die drei Königinnen waren, die vielleicht sogar heute Abend mit der Buslinie acht Richtung Bethlehem fahren.

Der Tisch mitten in der quirligen Cafeteria jedenfalls ist wieder ein Tisch von vielen, so wie man es in der Cafeteria eines grossen Spitals zu erwarten hat.

Peter Maibach

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